Eine freie Stimme der freien Welt

von Horst Wendt

RIAS (Rundfunk im Amerikanischen Sektor) Berlin bestand vom 5. September 1946 bis 31. Dezember 1993. Dass es diese Freie Stimme der freien Welt gab, lag ursächlich an der Sowjetunion. Die Rote Armee eroberte bekanntlich 1945 ganz Berlin, hatte folglich auch das Haus des Großdeutschen Rundfunks an der Masurenalle in Charlottenburg unter Kontrolle. Das vom Bauhausarchitekten Hans Poelzig entworfene Gebäude wurde im Krieg kaum beschädigt, die Russen richteten dort sehr schnell den kommunistisch dominierten „Berliner Rundfunk“ ein. Markus Wolf, der spätere Chef der Auslandsspionage der Stasi, und Karl-Eduard von Schnitzler, später Chefkommentator des DDR-Fernsehens, von den West-Berlinern „Sudel-Ede“ genannt, gehörten zu den Redakteuren der ersten Stunde. Auch der später so berühmte Hans Rosenthal hat in dem Haus als Hilfsassistent angefangen.

Mit den Abkommen von Jalta, London und Potsdam einigten sich die Siegermächte auf einen internationalisierten Viermächte-Status Berlins. Am 1. Juli 1945 wurde Groß-Berlin in seinen Grenzen von 1920 in vier Sektoren geteilt. Der Bezirk Charlottenburg, in dem das Haus des Rundfunks liegt, gehörte nun zum Britischen Sektor. Der kommunistische „Berliner Rundfunk“ wurde zu einer Exklave in West-Berlin, mit Stacheldraht umgeben, von Britischer Militärpolizei bewacht, bis 1955.

Dieser von den Russen kontrollierte „Berliner Rundfunk“ war damals der einzige deutschsprachige Sender in Berlin. Die Kommunisten verfügten mit ihm über ein medienpolitisches Machtinstrument. Die drei Westalliierten sahen darin eine Einschränkung der Presse- und Meinungsfreiheit und beantragten beim Sowjetischen Stadtkommandanten Sendezeit im „Berliner Rundfunk“. Die Sowjetunion lehnte das ab, ein früher und einseitiger Bruch des Viermächtestatus und somit ein erstes Anzeichen des beginnenden Kalten Krieges!

Die US-Militärverwaltung reagierte nun pragmatisch, – und damit beginnt die Geschichte des RIAS.

Am 21. November 1945 ordneten die Amerikaner den damals noch für ganz Berlin zuständigen Magistrat im Sowjetischen Sektor an, im Amerikanischen Sektor ein Drahtfunknetz aufzubauen, um in ihrem Sektor ein deutschsprachiges Programm verbreiten zu können. Ein abenteuerliches Unterfangen, denn das Telefonnetz der Stadt war schwer kriegsbeschädigt, Telefonapparate und Radiogeräte gab es kaum noch. Der Sowjetische Stadtkommandant Nicolai Bersarin hatte die Berliner zur Abgabe aller Radiogeräte verdonnert.

Aber die US-Militärregierung  war optimistisch, hoffte, dass nicht alle Berliner diesen Befehl befolgt hatten und verordnete die Einrichtung eines „Drahtfunk im Amerikanische Sektor, DIAS“. Funkhaus wurde das alte Fernmeldeamt an der Winterfeldstraße in Schöneberg. Sendestart war am 7. Februar 1946. Mit Plakaten wurde den Berlinern empfohlen, „mit geeignetem Draht ein eventuell noch vorhandenes Radiogerät mit einem Telefonapparat zu verknüpfen“. Im Amerikanischen Sektor gab es nur noch rund 1.500 funktionsfähige Telefonanschlüsse. Draht, Radios und Telefone waren Mangelware im ausgebombten Berlin. Gesendet wurde ein zunächst bescheidenes deutschsprachiges Programm mit Nachrichten aus aller Welt, Musik und Unterhaltung, täglich von 17 bis 24 Uhr. Gemacht von deutschen Redakteuren, Technikern und Sprechern. Finanziert durch von Deutschland zu leistende Besatzungskosten, denen anfänglich auch der Magistrat in Ost-Berlin zuzustimmen hatte. Im Juni 1946 wurde auch das Telefonnetz im Britischen Sektor angeschlossen. Die Berliner waren begierig auf unzensierte Nachrichten und Unterhaltung. Wie viele Hörer man hatte, wusste man freilich nicht. Aber ein Anfang war gemacht! Und aus dem technischen Provisorium „DIAS“ wurde dann am 5. September 1946 eine richtige Radiostation. Aus dem „DIAS“ wurde der „RIAS“, der Rundfunk im Amerikanischen Sektor, der Beginn einer einzigartigen Erfolgsgeschichte.

Technisch möglich wurde das durch ein Kuriosum: Die US-Army hatte in Belgrad den dort mobil auf Lastwagen stationierten „Lilly-Marleen-Sender“ der Deutschen Wehrmacht unversehrt erobert und nach Berlin gebracht. Kurios genug und eigentlich ein Treppenwitz der Weltgeschichte! Aus diesen Komponenten bastelten deutsche Techniker einen 800Watt starken Mittelwellensender zusammen. Die technische Basis des neuen Senders RIAS Berlin, untergebracht zunächst in amerikanischen Militärzelten auf dem neuen Sendergelände in Britz, einer früheren Baumschule. Ich habe den „Lilly-Marleen-Sender“ dort mal besichtigt. Auf Lastwagen stand er da in einem Schuppen, von RIAS-Technikern jahrzehntelang liebevoll gepflegt, mit seinen großen Senderöhren ein technisches Fossil, aber sendebereit die ganze Zeit. Zwischen den Militärzelten hatte man provisorische Sendemasten aufgebaut und Antennen gezogen. Später wurden dort zwei 150 Meter hohe Sendetürme gebaut. Die RIAS-Programme wurden von dort über all die Jahre über UKW-, Mittelwellen- und Kurzwellensender ausgestrahlt. Damit sendeten die USA in Berlin als einzige Besatzungsmacht dann bald rund um die Uhr ein deutschsprachiges Radioprogramm. Mit dem RIAS und seinen deutschen Journalisten führten sie die Berlinerinnen und Berliner schon wenige Monate nach dem Kriegsende aus der politischen und kulturellen Isolation, vermittelten ihnen und durch die technische Verbesserung der Sendeanlagen mehr und mehr auch den Hörern in der Ostzone die Kriterien und das Selbstverständnis westlicher Demokratie.

Die politische und juristische Organisationsstruktur des Senders war sehr interessant: Hoheitlich war RIAS Berlin zunächst der US-Militärregierung unterstellt, sein Status war geknüpft an den internationalisierten politischen Status Berlins.

Ab September 1949 unterstand RIAS dem High Commissioner for Germany. 1965 wurde dann das US-Außenministerium oberste Instanz. RIAS Berlin wurde eine Einrichtung von USIS, dem United States Information Service. Der Etat des Senders musste vom US-Kongress bewilligt werden. Ab 1969 beteiligte sich die Bundesregierung in Bonn an der Finanzierung des Senders. Das Bundesministerium für Gesamtdeutsche Fragen, später das Bundesinnenministerium, übernahmen nach und nach 95% des Etats. Vorsitzender des RIAS-Aufsichtsgremiums war der „Chairman“, ein Amerikaner, der den Sender hoheitlich als Bestandteil des Viermächtestatus nach außen vertrat. Inhaltlich, also für das Programm, war ein deutscher Intendant verantwortlich. Vom Gründungsintendanten Dr. Franz Wallner-Basté, bis zum letzten Intendanten des Senders am 31.12.1993 Dr. Helmut Drück. RIAS Berlin war, auch das ein Kuriosum!, quasi ein öffentlich-rechtlicher Regierungssender. Ein Sendeauftrag war nirgendwo definiert! Mit beratender Stimme war RIAS der ARD juristisch assoziiert, nutzte die Arbeit ihrer Auslandskorrespondenten und finanzierte sie mit. Die Angestellten, Techniker sowie die Redakteure des Senders arbeiteten nach deutschem Recht und im Selbstverständnis öffentlich-rechtlich. Die frühen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter wurden, wenn sie nicht Freie Mitarbeiter blieben, nach Amerikanischem Recht angestellt. Ich gehörte 1968 zu den ersten Redakteuren, die nach deutschem Tarifrecht angestellt wurden.

Der aus der Not geborene Sender entwickelte sich aus bescheidenen Anfängen zu der Stimme Berlins, mitten im Ostblock, zur Stimme der freien Welt.

Am 6. Juli 1948, mitten in der Blockadezeit, konnte RIAS dann das markante halbrunde Gebäude an der Kufsteiner Straße 69 am Schöneberger Stadtpark beziehen. Ein 1938 erbautes Haus der Bayerischen Stickstoffwerke der IG-Farben, das die Amerikaner enteignet hatten. Es war nur gering kriegsbeschädigt, Studios und Redaktionsräume konnten schnell eingerichtet werden. Am 1. November 1948 nahm zudem ein zweiter Mittelwellensender in der fränkischen Stadt Hof seinen Betrieb auf.

RIAS Berlin reflektiert und dokumentiert von 1946 bis 1993 die Nachkriegsgeschichte Berlins im Spannungsfeld zwischen Ost und West, heute erforschbar in seinen Archiven. Der Sender war ein Protagonist der besonderen deutsch-amerikanischen Beziehungen. Die den Berlinern vom amerikanischen Volk geschenkte Freiheitsglocke und der Text ihrer Widmung erklangen über Jahrzehnte sonntags pünktlich mittags um 12. Bekenntnis und Mahnung zu politischer Freiheit und Demokratie, auch in der DDR gehört. Die Einweihung im Turm des Schöneberger Rathauses am 24. Oktober 1950 haben 500.000 Berliner miterlebt.

Mit seinem journalistischen Einfluss dokumentierte der RIAS in tausenden Originaltönen alle wichtigen Ereignisse der Geschichte Berlins, Deutschlands und der Welt. Nur einige historische Daten möchte ich an dieser Stelle nennen, die über den Äther des Senders gegangen sind:

Die dramatischen Tumulte 1948 in der Stadtverordnetenversammlung im Stadthaus des Magistrats an der Parochialstraße in Ost-Berlin, die zur organisatorischen und politische Spaltung Berlins führten. Die RIAS-Reporter Jürgen Graf und Peter Schultze berichteten eindringlich, der Kalte Krieg hatte begonnen. Das Schöneberger Rathaus wurde danach Sitz des West-Berliner Senats und des Abgeordnetenhauses.

Die elfmonatige Blockade West-Berlins durch die Russen vom 24. Juni 1948 bis zum 12. Mai 1949. Jürgen Graf und Peter Schultze saßen auf Kohlesäcken in einem der „Rosinenbomber“ und berichteten, was sie erlebten.

Reportagen und Berichte von den dramatischen Ereignissen des Aufstands der Ost-Berliner Bauarbeiter mit Schüssen und Toten am 17. Juni 1953 vom Potsdamer Platz.

Erich Nieswandts Live-Reportagen vom Beginn des Mauerbaus am Brandenburger Tor am Tag des 13. August 1961.

Sonderberichterstattungen von der brutalen Niederschlagung des Aufstands in Ungarn 1956 und des „Prager Frühlings“ 1968 durch die Sowjetunion.

Der Besuch des amerikanischen Präsidenten John F. Kennedy am 26. Juni 1963 mit seinem historischen Freiheitsbekenntnis vor dem Schöneberger Rathaus („Ich bin ein Berliner!“). Jürgen Graf berichtete 9 Stunden live von der Fahrt Kennedys durch West-Berlin in einem eigens dafür umgebauten Ü-Wagen. Eine einmalige Reportage – bis heute!

Später dann die Besuche der amerikanischen Präsidenten Nixon, Reagan, Carter, Clinton, auch die Queen war mehrfach auf Staatsbesuch in Berlin. In den RIAS-Archiven liegen wahre Schätze, Originaldokumente von historisch-wissenschaftlichem Wert.

Als Höhepunkt ist natürlich auch die friedliche Revolution in der DDR, die 1989 zum Abriss der Mauer und Grenzanlagen und danach zum Vollzug der Einheit Deutschlands führte, in vielen Reportagen und Berichten dokumentiert.

Auf den Mauerbau 1961 reagierte der RIAS journalistisch innovativ, aktuell ereignisidentisch mit der Erfindung der Live-Magazinsendungen, „Rundschau“ genannt. Die Reporter berichteten vom Ort des Geschehens aus dem Übertragungswagen direkt ins Sendestudio, die Hörer waren quasi unmittelbar dabei. Dieses Sendeformat wurde bald von allen ARD-Sendern übernommen, ist seitdem hörfunkjournalistischer Standard: Live-Interviews, Studiogäste, Reportagen, Nachrichten, umrahmt von mehr oder weniger angenehmer Musik. Ein schnelleres journalistisches Medium als den Rundfunk gab es nicht! Die politischen und unterhaltenden Sendungen und Namen ihrer Macher wurden zu Markenzeichen des Senders. RIAS wurde zur Stimme West-Berlins.

Ich bin sicher, auch Ihnen fällt sofort Günter Neumann mit seinen „Insulanern“ ein, politisches Kabarett mit Herz und Schnauze im Kalten Krieg, jahrelang eine feste Institution. Die Sendungen wurden von den ARD-Anstalten übernommen, sie informierten die Hörer im fernen Westdeutschland unterhaltend über die politische Situation in Berlin.

„Der Onkel Tobias vom RIAS ist da“, überaus beliebt. Tausende Kinder in Ost und West sind mit ihm, dem Onkel Tobias (Fritz Genschow), „seinen RIAS-Kindern“ und Tante Erika (Erika Görner) aufgewachsen.

„Allein gegen alle“, „Spaß muss sein“ und „Das klingende Sonntagsrätsel“, die beliebten Quizsendungen mit Hans Rosenthal. Das „Sonntagsrätsel“ wurde erstmals am 7. März 1965 ausgestrahlt. Die Sendung läuft heute noch im Deutschlandfunk Kultur mit Ralf Bei der Kellen.

„Das Zweite Frühstück“ aus dem Steglitzer Bierpinsel, der „RIAS-Opernstammtisch“ live aus der Deutschen Oper Berlin und „Club 18 – Jazz für alle“ aus dem Studio 7. Drei von vielen Sendungen mit John Hendrik.

Der Theaterkritiker Friedrich Luft mit seiner legendären „Stimme der Kritik“, lieferte knapp 44 Jahre dieses einmalige glanzvolle journalistische Kapitel der deutschen Rundfunkgeschichte. Jeden Sonntag um 12 Uhr schloss er mit den Worten: „Wir sprechen uns wieder, in einer Woche. Wie immer – gleiche Zeit, gleiche Stelle, gleiche Welle. Ihr Friedrich Luft.”

„Die Schlager der Woche“ mit Fred Ignor, Wolfgang Behrendt, Charlie Hickman und Lord Knud war die erste deutschsprachige Hitparade, noch vor Radio Luxemburg. Auch die „Evergreens“ am Samstagmorgen, mit Lord Knud und später Harald Juhnke war eine unglaublich populäre, massenwirksame Sendung, die auch ich nebenbei mit großem Erfolg anderthalb Jahre gemacht habe.

Es gab die öffentlichen Veranstaltungen in der Waldbühne „Mach mit“ und in der Deutschlandhalle „RIAS-Parade“, oder „Mit RIAS in die Ferien“, am ersten Tag der Sommerferien vor dem Reichstag mit dem RIAS-Tanzorchester (RTO). Hunderttausend RIAS-Fans waren dabei. Das RTO wurde zu einem Markenzeichen des Senders, zu einem Botschafter West-Berlins.

Schlager und Popmusik spielten eine große Rolle im RIAS-Programm. Udo Jürgens, Caterina Valente, Bully Buhlan, Rita Paul und viele andere haben im Studio 7 ihre Karriere begonnen.

Sehr beliebt besonders bei den Jugendlichen in der DDR war der nachmittägliche „RIAS-Treffpunkt“, aus dem dann am        30. September 1985 die selbstständige Jugendwelle „RIAS II – auf 94.3“ wurde.

Neben der Politik waren Kultur und Unterhaltung immer wichtige Bestandteile des RIAS-Programms. Schon 1946 hatte der Sender ein eigenes Symphonie-Orchester (heute Deutsches Symphonie-Orchester Berlin). Erster Chefdirigent wurde der Ungar Ferenc Friscay. Unter seiner Leitung konzertierte das Orchester im Titania-Palast in der Steglitzer Schloßstraße vor begeisterten Berlinern.

Der RIAS belebte von Beginn an wieder das Kulturleben im zerstörten Berlin, gab Künstlern Arbeit und Wirkungsmöglichkeiten. Jeden Freitag sendete RIAS auch eine Sabbatfeier mit Oberkantor Estrongo Nachama.

Und natürlich waren auch die Nachrichtensendungen ein Markenzeichen des RIAS. Die Namen der Sprecher wurden im Gegensatz zu den anderen Sendern am Ende immer genannt, auch das ein Novum: Gerd Heydebreck, Heinz Petruo, Karl-Heinz Wunder, Eberhard Matusch, um nur einige zu nennen. Berühmt wurde die Nachrichtenredaktion mit ihrer aus der Not der Stromsperren in der Blockadezeit 1948 geborenen Idee, mit Lautsprecherwagen der US-Army durch die Stadt zu fahren und die Bevölkerung mit Nachrichten zu versorgen. Die Berliner waren damals hungrig nach aktuellen Informationen. RIAS hat sie geliefert und wurde in jenen Jahren mehr und mehr zu einem Markenzeichen Berlins. Über Jahrzehnte wurden die Nachrichten immer zur halben Stunde gesendet, im Unterschied zu anderen Sendern, die die Nachrichten zur vollen Stunde brachten, – also ein Informationsvorteil, RIAS war schneller.

RIAS I, wie das eher traditionelle Programm seit der Gründung von RIAS II hieß, sendete bis zum 31. Dezember 1993. Ein sehr erfolgreiches und beliebtes, großflächig magaziniertes Informations- und Kulturprogramm, mit Hörspielen und klassischen Unterhaltungssendungen sowie breit angelegten Kultur- und Musikabenden. Mit dem Vollzug der Einheit Deutschlands und der folglichen Beendigung des Viermächte-Status in Berlin, an den der Sender gebunden war, gab es für den RIAS keine Rechtsgrundlage mehr, er wurde ՛abgewickelt՝, in die Geschichte verabschiedet. Mit über 3 Millionen registrierten Zuschriften und zigtausenden Telefonanrufen haben Hörerinnen und Hörer in Ost und West dagegen heftig protestiert, auch Politiker – vergeblich. Nach dem Willen der Mitglieder des Berliner Abgeordnetenhauses sollte der RIAS als Ganzes erhalten bleiben! In der aktuellen Stunde der 34. Sitzung wurde am 28. Juni 1990 einmütig beschlossen, folgenden Antrag an den Ausschuss für Kultur zu überweisen:

„Das Abgeordnetenhaus fordert Bund und Länder auf, in einem Staatsvertrag den Bestand des Senders RIAS-Berlin zu sichern. In einem vereinten Deutschland soll das Zweite Deutsche Fernsehen (ZDF) um Hörfunkprogramme erweitert und mit der heutigen Sendeanstalt RIAS-Berlin verbunden werden.“

In seiner Sitzung am 04. Juli 1990 sprach sich auch der Berliner Senat mit der Unterstützung des damaligen Regierenden Bürgermeisters Walter Momper für den Erhalt des RIAS aus. Es ist anders gekommen.

Am 1. Januar 1994 wurde RIAS auf Grundlage eines Staatsvertrages vom 17. Juni 1993, den die Parlamente aller Bundesländer ratifiziert haben, als Gemeinschaftseinrichtung von ARD und ZDF Bestandteil des neuen, gebührenfinanzierten nationalen Hörfunks DEUTSCHLANDRADIO, eine Körperschaft öffentlichen Rechts mit Sitz in Köln und Berlin.

Gebildet aus Deutschlandfunk Köln, RIAS-Berlin und dem Deutschlandsender Kultur (einem Überbleibsel des Staatlichen Rundfunks der DDR). 170 Mitarbeiter des ehemaligen Ostberliner Senders zogen in das RIAS-Funkhaus in Schöneberg ein und machen seitdem mit den früheren RIAS-Mitarbeitern das Programm des Deutschlandradios.

Aus RIAS II wurde der private Berliner Kommerzsender rs2. Aus dem 1986 gegründeten RIAS-TV wurde der Fernsehsender der Deutschen Welle.

RIAS Berlin hatte seinen Auftrag, der nirgends definiert war, glänzend erfüllt:

Die Einheit Deutschlands, demokratisch und frei!

Seit dem 1. Januar 1994 ist nun das alte RIAS-Funkhaus am Hans-Rosenthal-Platz Sitz des Deutschlandradios. Auf dem Dach des Hauses erinnert denkmalgeschützt das schöne RIAS-Signet an den einzigartigen Sender West-Berlins.

Geblieben vom RIAS und im Kulturleben sehr hoch geschätzt ist noch der weltberühmte RIAS-Kammerchor sowie die RIAS-Berlin-Kommission, eine Stiftung, die 1991 von den USA und der Bundesregierung gegründet wurde. Sie soll die Verständigung und Freundschaft zwischen den Deutschen und den Amerikanern fördern. Sie gewährt Stipendien für Studienaufenthalte in den USA, fördert Jugendaustausch, bietet wechselseitige Informationsreisen für junge deutsche und amerikanische Journalisten an, um die kulturellen und politischen Beziehungen zwischen den USA und der Bundesrepublik zu vertiefen. Die RIAS-Berlin-Kommission hilft bei Medienproduktionen und vergibt jährlich einen Journalistenpreis.

 

Horst Wendt, geboren 1935 in Magdeburg, aufgewachsen in Quedlinburg im Harz, dort 1955 Abitur am Guts-Muths-Gymnasium. West-Abitur am Berliner Goethe-Gymnasium. An der Freien Universität Berlin und an der Universität Göttingen Studium der Anglistik, Germanistik, Philosophie, Kunstgeschichte und Publizistik. Während des Studiums und danach freiberufliche journalistische Tätigkeit. Ab 1968 fest angestellter Redakteur, Moderator und Reporter der RIAS-Hauptabteilung Politik und Zeitgeschehen. Nebenher ressortübergreifende Sendungen in den Bereichen Kultur, U- und E-Musik, Unterhaltung. Zudem gelegentlich Gastmoderator bei den ARD-Sendern Südwestfunk Baden-Baden und Norddeutscher Rundfunk Hannover. Artikel für „Tagesspiegel“ und „Berliner Rundschau“. 1989-1994 Redaktionsleiter und Moderator der mehrstündigen Sendung „Radiomarkt“ (Kultur und Unterhaltung). 1994-2000 Redakteur und Moderator in der Hauptabteilung Kultur des Deutschlandradio, des Nachfolgesenders von RIAS-Berlin. Als Rentner mit Neigung zur Hobby-Schriftstellerei dort bis 2006 noch Redakteur und Moderator der nächtlichen Jazz-Sendung „Tonart“.